Woche 10 im Kloster
Herzlich Willkommen zu einem neuen Eintrag meines Blogs.
Ich hoffe, du hattest eine gesegnete Zeit und konntest auch in den letzten Tagen immer wieder Momente finden, in denen du innerlich zur Ruhe kommen konntest.
Diese Woche war wahrscheinlich die ruhigste Woche, die ich bisher hier in Einsiedeln erlebt habe. Und obwohl äußerlich nicht besonders viel passiert ist, hatte sie innerlich trotzdem eine gewisse Tiefe.
Das Wetter war diese Woche wie ein kleines Karussell. Mal warm und sonnig, dann wieder regnerisch, grau und schwer. Und da ich sehr wetterfühlig bin, habe ich das auch stark gespürt. Gerade an den regnerischen Tagen war ich oft wie benebelt, energielos und sehr in mich gekehrt.
Der Alltag ging natürlich trotzdem weiter. Ich durfte weiterhin im Klosterladen mithelfen, Dinge beschriften, kleine Aufgaben übernehmen und einfach Teil dieses ruhigen Rhythmus sein. Im Garten konnten wir diese Woche nicht so viel machen, weil das Wetter immer wieder umgeschlagen ist.
Wie jeden Donnerstag durfte ich auch wieder im Archiv mithelfen. Dort haben wir weiter daran gearbeitet, alte Unterlagen und Dokumente neu einzuordnen – besonders die Unterlagen des 2011 verstorbenen Pater Matthäus. Und ehrlich gesagt hat mich das sehr bewegt.
Vor mir standen über 500 Kartons, randvoll mit Dokumenten, Rechnungen, Bestellungen, Unterlagen zu Sanierungen und unzähligen anderen Dingen. Und das war angeblich nur ein Teil von dem, was dieser eine Mensch in seinem Leben hier bewegt und begleitet hat.
Das zu sehen, hatte etwas sehr Tiefes.
Denn oft denkt man bei solchen Dingen nur an Papier oder alte Akten. Aber wenn man genauer hinschaut, erkennt man plötzlich, wie viel Arbeit, Hingabe und Lebenszeit darin steckt. Ein einzelner Mensch hat über Jahrzehnte hinweg seinen Teil zu diesem Ort beigetragen.
Und wenn man dann bedenkt, dass das Kloster Einsiedeln seit über 1000 Jahren besteht und Pater Matthäus darin nur ein kleines Glied dieser langen Geschichte war, bekommt man erst eine Ahnung davon, wie viel Liebe, Kraft und Hingabe in diesem Ort eigentlich stecken.
Wie viele Menschen hier gebetet, gearbeitet, gelitten, gehofft und gedient haben.
Und dass jeder einzelne davon Spuren hinterlassen hat.
Das war wirklich ein Gänsehautmoment für mich.
Vielleicht hat genau diese äußere Ruhe dazu geführt, dass ich innerlich noch mehr angefangen habe nachzudenken. Manchmal gibt es Wochen, in denen man nicht viel erlebt, aber trotzdem unglaublich viel in einem passiert. Und genau so war diese Woche.
Was ich besonders gemerkt habe: Auch das Gebet und das Ministrieren haben sich diese Woche anders angefühlt. Irgendwie intensiver. Vielleicht gerade deshalb, weil ich mich innerlich oft so erschöpft und betrübt gefühlt habe. Wenn man wenig Energie hat, merkt man plötzlich viel bewusster, worauf man seine Kraft richtet. Dadurch habe ich mich während der Gebete viel stärker konzentriert und den Fokus ganz anders darauf gelegt. Nicht so nebenbei oder automatisch, sondern viel bewusster. Die Ruhe, die Stille und auch diese innere Schwere haben das Gebet auf eine gewisse Weise tiefer gemacht.
Ich habe diese Woche viel darüber nachgedacht, wie Menschen uns oft nur nach dem Bild beurteilen, das sie einmal von uns bekommen haben. Selbst wenn wir uns verändern, kämpfen, wachsen oder innerlich ganz andere Wege gehen, sehen viele Menschen trotzdem nur das alte Bild. Nicht unbedingt aus Bosheit, sondern weil Menschen oft an dem festhalten, was sie kennen. Vielleicht auch, weil sie das Bild, das sie von jemandem haben, nicht loslassen wollen.
Aber Gott sieht nicht nur ein Bild. Er sieht das Herz. Er sieht die Kämpfe, die niemand bemerkt. Er sieht die Gedanken, die man nicht ausspricht. Er sieht jeden inneren Schritt, selbst wenn ihn kein anderer wahrnimmt.
Und genau dieser Gedanke hat mich diese Woche begleitet.
Besonders an einem Moment, als ich hier einen wunderschönen Regenbogen gesehen habe. Nach all dem Regen und dem grauen Himmel plötzlich dieses Licht und diese Farben zu sehen, hatte für mich etwas sehr Tiefes. Auch im Garten ist mir etwas Ähnliches aufgefallen. Durch die regnerischen Tage wirkten manche Blumen zuerst fast geschlossen oder kraftlos. Doch sobald wieder Wärme und Licht kamen, haben sie sich wieder geöffnet. Sie hatten ihren Glanz nicht verloren. Sie haben sich nur geschützt, bis die richtige Zeit wieder da war.
Und vielleicht ist es bei uns Menschen genauso.
Nicht jede Phase unseres Lebens ist eine Zeit zum Aufblühen nach außen. Manchmal ziehen wir uns zurück. Manchmal wirken wir stiller, schwächer oder erschöpfter. Aber das bedeutet nicht, dass nichts mehr lebt. Vielleicht sammelt sich innerlich einfach nur neue Kraft.
Und wenn die richtige Zeit kommt, kann daraus wieder etwas Wunderschönes entstehen.
Die Natur zeigt uns das eigentlich jeden Tag. Wie harmonisch alles miteinander verbunden ist. Wie nach Regen wieder Licht kommt und wie aus Wasser und Licht plötzlich ein Regenbogen entsteht. Und wenn selbst die Schöpfung schon so eine Schönheit hervorbringen kann, wie viel mehr steckt dann in uns Menschen, die nach dem Ebenbild Gottes geschaffen wurden?
Dabei musste ich an einen Vers aus der Bibel denken:
„Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen.“
– Matthäus 6,28–29
Wenn Gott sich schon um die Lilien auf dem Feld kümmert, wie viel mehr dann um uns?
Vielleicht vergessen wir das viel zu oft. Gerade in den schweren oder stillen Zeiten. Wenn wir denken, wir wären nicht genug, nicht stark genug oder nicht sichtbar genug.
Aber vielleicht geht es manchmal gar nicht darum, gesehen zu werden, sondern innerlich zu wachsen. Und vielleicht müssen wir auch nicht immer stark sein oder die Person sein, aus der andere ihre Kraft ziehen. Manchmal dürfen wir einfach nur sein.
Einfach Mensch sein.
Einfach Teil der Schöpfung sein.
Im Einklang mit dem Moment, mit der Ruhe und mit Gott.
Denn auch eine Wurzel muss nicht ständig etwas leisten, damit sie wertvoll ist. Sie darf einfach existieren, getragen von derselben Schöpfung, aus der alles Leben entsteht.
Und vielleicht vergessen wir genau das im Alltag viel zu oft – dass unser Wert nicht nur darin liegt, was wir leisten oder wie sichtbar wir für andere sind, sondern auch darin, einfach zu sein.
Still.
Verborgen.
Bis die Zeit kommt, in der man wieder aufblüht.
Ich bin gespannt, was die nächsten Wochen bringen werden und wohin mich dieser Weg noch führt.
Danke, dass du diesen Weg mit mir gehst.
Ich wünsche dir eine gesegnete Zeit und dass du auch in regnerischen Momenten nie vergisst, dass nach jedem Sturm wieder Licht kommen kann.
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