Woche 26 im Kloster das letzte mal
Herzlich willkommen zum letzten Blogeintrag meiner Klosterzeit.
Nun ist sie tatsächlich vorbei. Sechs Monate. 26 Wochen. Und während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich bereits wieder zu Hause in Deutschland. Ehrlich gesagt kann ich es selbst noch nicht richtig realisieren.
Die letzte Woche im Kloster war von einem ganz besonderen Gefühl geprägt. Plötzlich wurde aus allem ein letztes Mal. Das letzte Mal im Klosterladen, das letzte Mal im Garten, das letzte Mal ministrieren, der letzte Vespertrunk am Mittwoch, das letzte Mal in der Buchbinderei und im Archiv. Jede Aufgabe, die in den vergangenen Monaten irgendwann selbstverständlich geworden war, bekam plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Und trotzdem habe ich es in diesem Moment noch gar nicht richtig begriffen. Erst jetzt, wieder zu Hause, wird mir langsam bewusst, dass diese Zeit tatsächlich vorbei ist.
Natürlich gab es in der letzten Woche auch Abschiede. Gemeinsam mit Frater Carsten und Kandidat Max habe ich noch einen Aperol getrunken, später kam auch Pater Thomas dazu. Außerdem waren bereits die beiden neuen Klosterzeitler da, die nun nach mir ihre eigene besondere Zeit beginnen werden: Nils, der in Einsiedeln bleiben wird, und Remi, der anschließend nach Rom ins Kloster Sant’Anselmo geht. Es war irgendwie ein besonderer Moment. Während für mich etwas zu Ende ging, begann für andere gerade etwas Neues.
Eine besonders große Freude war für mich auch, dass Jannis extra noch einmal nach Einsiedeln gekommen ist, um sich an meinem Abschlusstag persönlich von mir zu verabschieden. Er hat meinen letzten Tag noch mit mir verbracht und wir konnten die Zeit, die uns blieb, gemeinsam genießen. Das hat mich wirklich sehr gefreut. Gerade in diesen sechs Monaten ist Jannis zu einem sehr guten Freund geworden und ich bin dankbar für all die Zeit, die wir miteinander verbringen konnten.
Am Samstag durfte ich außerdem noch bei der Abschiedsmesse für Sebastian ministrieren, der während des Sommerklosters bei einer Pilgerwanderung verstorben war. Bei dieser Messe seinen Lebensweg zu hören und zu sehen, wie seine Familie mit diesem Abschied umging, war etwas sehr Besonderes. Sein Vater sagte sinngemäß, dass sie ihn 35 Jahre lang haben durften und dass jeder Mensch jederzeit hätte gehen können. Diese Sichtweise ist mir sehr im Gedächtnis geblieben. Für mich war es außerdem eine große Ehre, bei dieser Messe dienen zu dürfen.
Dann kamen die letzten Abschiede. Ich musste mich von vielen Menschen verabschieden, die in diesen sechs Monaten zu einem festen Teil meines Lebens geworden waren. Auch von Heidi, von den Mönchen, von den Mitarbeitern und von all den Menschen, mit denen ich in dieser Zeit so viele Gespräche geführt und so viele Momente erlebt habe. Am Samstagabend wurde ich schließlich noch einmal richtig verabschiedet. Wir saßen zusammen, tranken Weißwein und ließen diese besondere Zeit langsam ausklingen.
Und jetzt bin ich wieder hier.
Ich bin wieder in Deutschland, wieder an einem Ort, der mir mein ganzes Leben lang vertraut war. Alles ist irgendwie noch genauso, wie es vorher war. Die Straßen, die Häuser, die Menschen, die Umgebung. Und trotzdem fühlt es sich anders an.
Vielleicht liegt es daran, dass sich der Ort gar nicht verändert hat.
Ich habe mich verändert.
Und zwar im Guten.
Einsiedeln war für mich der erste Ort in meinem Leben, an dem ich mich wirklich zu Hause gefühlt habe. Nicht, weil es mein Zuhause im klassischen Sinne war und auch nicht, weil dort alles perfekt gewesen wäre. Sondern weil ich dort zum ersten Mal einfach ich selbst sein konnte.
Ich habe meinen Glauben nie versteckt. Aber in Einsiedeln musste ich mich zum ersten Mal wirklich nicht dafür rechtfertigen, dass ich Christ bin. Ich musste nicht erklären, warum ich bete. Ich musste mich nicht verteidigen, weil mir die Eucharistie wichtig ist. Ich musste nicht überlegen, ob jemand mich dafür verurteilt, dass ich über Gott spreche. Und ich habe zum ersten Mal keinen Hass dafür abbekommen, dass ich Christ bin. Zum ersten Mal hatte ich einen Ort, an dem mein Glaube einfach ein Teil meines Lebens sein durfte, ohne dass ich mich dafür rechtfertigen, verteidigen oder erklären musste.
Und vielleicht war genau das eine der wichtigsten Erfahrungen dieser sechs Monate.
Ich durfte einfach ich sein.
In dieser Klosterzeit habe ich so viel erlebt, dass ich es wahrscheinlich niemals vollständig in Worte fassen könnte. Ich habe wunderbare Gespräche geführt, die mich weitergebracht haben. Ich habe Menschen kennengelernt, die zu Freunden geworden sind. Ich habe aber auch Gespräche erlebt, die nicht immer einfach waren. Ich habe Licht und Dunkelheit gesehen, Leben und Tod, Glauben und Zweifel. Ich durfte lachen, ich durfte nachdenken, ich durfte schweigen und ich durfte Dinge erleben, die mich für immer begleiten werden.
Ich habe gelernt, dass Stille nicht leer sein muss. Dass ein Mensch nicht ständig etwas leisten muss, um einen Wert zu haben. Dass man nicht immer alles verstehen muss. Dass man manchmal einfach sein darf.
Ich durfte in den vergangenen Monaten mit den Händen arbeiten, im Garten stehen, im Klosterladen helfen, alte Pergamente restaurieren, ministrieren und Teil eines Alltags werden, der auf den ersten Blick vielleicht immer gleich aussieht, aber jeden Tag etwas Neues in sich trägt. Ich durfte mit Menschen beten, die ihr gesamtes Leben Gott gewidmet haben. Ich durfte Kardinäle, Bischöfe, Priester, Ordensleute und Menschen aus den unterschiedlichsten Teilen der Welt kennenlernen. Ich durfte an Gesprächen teilnehmen, die mich geprägt haben, und an Orten sein, die für viele Menschen nur ein Reiseziel sind, für mich aber für sechs Monate zu einem Zuhause geworden sind.
Und nun ist es vorbei.
Es fühlt sich gerade tatsächlich ein wenig surreal an. Fast so, als wäre ich aus einer Parallelwelt zurückgekehrt. Als wäre ich sechs Monate lang an einem Ort gewesen, an dem die Zeit anders läuft, und plötzlich wieder in meinem alten Leben aufgewacht.
Manchmal fühlt es sich sogar an, als wäre der schönste Traum, den ich je hatte, einfach vorbei.
Aber vielleicht ist er das gar nicht.
Vielleicht endet diese Zeit nicht, nur weil ich Einsiedeln verlassen habe. Vielleicht nimmt man einen Ort wie diesen mit, ohne es sofort zu merken. Vielleicht bleiben die Gespräche, die Erinnerungen, die Menschen, die Gebete und all das, was man gelernt hat, ein Teil von einem selbst.
Vor 26 Wochen bin ich ins Kloster gekommen, ohne zu wissen, was mich erwartet.
Jetzt gehe ich wieder nach Hause und weiß, dass ich nicht mehr derselbe Mensch bin wie damals.
Und vielleicht ist das das Schönste, was ich aus Einsiedeln mitnehmen kann.
Ich weiß nicht, wohin mein Weg mich führen wird. Aber ich weiß, dass diese sechs Monate ein Teil von mir bleiben werden. Einsiedeln hat mir nicht einfach nur Erinnerungen geschenkt. Dieser Ort hat mir gezeigt, wer ich sein kann, wenn ich aufhöre, mich ständig anpassen zu müssen.
Deshalb sage ich am Ende dieses letzten Blogeintrags nicht einfach nur auf Wiedersehen.
Ich sage von Herzen: Danke.
Danke an alle Menschen, die mich in dieser Zeit begleitet haben. Danke an die Mönche, die mir ein Zuhause gegeben haben. Danke an alle Freunde und Besucher, die ich kennenlernen durfte. Danke für jedes Gespräch, jedes Gebet, jedes gemeinsame Essen, jedes Lachen und auch für die stillen Momente.
Diese Klosterzeit ist vorbei.
Aber was sie in mir verändert hat, geht weiter.
Möge Gott dich behüten und begleiten auf all deinen wegen.
Amen
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